Was ist Autismus eigentlich?

 

Viele Menschen haben zwar den Begriff "Autismus" schon mal gehört, denken dabei meist an eine Erkrankung und verbinden damit am ehesten in sich gekehrte, schaukelnde, jeden Kontakt vermeidende Wesen, die alle Zugfahrpläne und Telefonbücher auswendig kennen und womöglich geistig behindert sind.

Tatsächlich ist gemäß Fachliteratur etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung, von der unsichtbaren Entwicklungsstörung betroffen. Autismus ist angeboren und unheilbar, deshalb auch eine Behinderung und keine Erkrankung.

Nur ein kleiner Prozentsatz der Betroffenen ist zusätzlich geistig behindert, die Mehrzahl ist durchschnittlich intelligent -so wie die „Normalbevölkerung“ auch- und nur ein kleiner Teil ist hochbegabt, weißt also einen IQ von 140 und mehr auf.

Die Pathogenese von Autismus ist relativ ungeklärt, in Fachkreisen geht man von einer genetischen Komponente, die durch diverse Faktoren (Umweltgifte, Impfungen, Medikamente, Alter der Eltern etc.) getriggert wird, aus.

 

Im zur Zeit noch gültigen ICD10 wird Autismus unter F84 „tiefgreifende Entwicklungsstörungen“ codiert mit

F84.0 frühkindlicher Autismus

F84.1 atypischer Autismus

F84.5 Asperger-Syndrom

 

Der ICD-11 wurde im Mai 2019 verabschiedet und soll voraussichtlich am 1. Januar 2022 in Kraft treten. Deshalb spricht man bereits jetzt allgemein nur noch von einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in den Ausprägungsgraden leicht - mittel - schwer, da die Übergänge innerhalb des Störungsbildes fließend sind.

 

Frühkindliche Autist*innen werden relativ früh diagnostiziert, da sie bereits in den ersten drei Lebensjahren deutlich auffällig, teils auch zusätzlich intelligenzgemindert sind und manchmal eine Epilepsie als Komorbidität (=Begleiterkrankung) aufweisen.

Eine verzögerte Sprachentwicklung (Sonderfall: nichtsprechend trotz intakter Sprechorgane) ist hier oft richtungsweisend.

 

Atypische Autist*innen weisen nicht alle Diagnosekriterien für frühkindlichen bzw. Asperger-Autismus auf.

 

Asperger-Autist*innen sind in den ersten drei Lebensjahren kaum bis gar nicht auffällig, entwickeln aufgrund ihrer normalen Intelligenz oft gute Kompensationsstrategien, so dass sie erst spät im Schul- oder gar im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, teilweise nur durch, in Lebenskrisen sichtbar gewordene, Probleme.

 

Die nachfolgend genannten Auffälligkeiten -in unterschiedlich starker Ausprägung- können bis zum Erwachsenenalter und weit darüber hinaus durch adäquate Therapien und Interventionen in Schule und Elternhaus (stark) reduziert werden. Entwickelte Kompensationsstrategien ermöglichen ein nach außen hin neurotypisches Leben. Allerdings ist dies mit einem hohen Energieaufwand und Stresslevel verbunden und führt oft zu Depression und Burnout.

 

Kommunikation und Sprache:

Eintönige, teils zu laute Sprechweise/Stimmmodulation; eingeschränktes Sprachverständnis mit Nichtverstehen der übertragenen Bedeutung von Sprichwörtern, Witzen oder ironischen Bemerkungen; oder auch gegenteilig extrem unfangreicher Wortschatz

Sonderfall: nichtsprechend trotz intakter Sprechorgane

 

Soziale Interaktion (wechselseitige Beziehungsgestaltung):

Wenig oder auffälliger Blickkontakt; Schwierigkeiten bei Beginn und Aufrechterhaltung eines Gesprächs oder von Freundschaften; Konflikte in sozialen Situationen aufgrund von Missverständnissen, Kontextblindheit etc.

 

Flexibilität im Verhalten:

Eingeengtes Verhaltensrepertoire; Veränderungen -vor allem unvorhergesehene- sind problematisch; gleichbleibende Tagesabläufe nötig

 

Besonderheiten in Wahrnehmung/Körperwahrnehmung/Sinnesreizen:

Blendungsempfindlichkeiten; Reizfilterschwäche; Verzerrungen und Orientierungsschwierigkeiten; Geräuschempfindlichkeit; Über-/Unterempfindlichkeit gegenüber Gerüchen; kein Sättigungs- oder/und Durstgefühl; Über-/Unterempfindlichkeit gegen Schmerzen

 

Besonderheiten im Verhalten:

Aufmerksamkeitsschwäche; Motorisches Ungeschick; Einschränkungen in der Nachahmung; eingeschränkte Selbstkontrolle; unklares Selbstbild; Veränderungsängste; extreme Sonderinteressen

 

Anzumerken ist hier, dass eine Reizüberflutung (sog. Overload) zu einem Ausraster (im Kindesalter: optisch ähnlich dem eines Trotzkindes mit jedoch völlig anderen Ursachen! und im Erwachsenenalter: unhöflich wirkende, heftige Reaktion, Schimpfen, Fluchen, Schreien, evtl. Weinkrämpfe oder auch unerwartetes, plötzliches Flüchten aus Situationen), fachsprachlich Meltdown genannt, mit anschließendem oder den Meltdown ersetzenden, kompletten Rückzug in sich selbst für Minuten oder Stunden (sog. Shutdown) führen kann.

 

Erwachsene lernen im Lauf der Jahre vielfältige Kompensationsstrategien, wirken dadurch unauffällig und angepasst. Diese Anpassung kostet autistische Erwachsene jedoch unglaublich viel Energie. Bei zusätzlichen Belastungsfaktoren reicht die vorhandene Energie oft nicht mehr aus und es kommt zu depressiven Episoden oder auch einem Burnout. Deshalb benötigen erwachsene autistische Menschen ein passendes Umfeld und eine adäquate Unterstützung - auch wenn dies nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist.

 

(Dieser Text wurde von Bärbel C. Heiland, Heilpraktikerin für Psychotherapie verfasst und der SHG kostenlos nur für die Nutzung im Rahmen der Homepage zur Verfügung gestellt. Da der Fachartikel dem Copyright unterliegt darf er ohne schriftliche Genehmigung der Verfasserin weder privat noch gewerblich genutzt werden.)